Positive Leadership – die Macht positiver Emotionen

Leadership Positive

Gastautor: Björn Kücklich

„Diese Neuausrichtung bringt doch eh nichts“ hallt es durch die Flure. Alltag in deutschen Unternehmen. Es fällt uns leichter Negatives zu finden und an Altem festzuhalten. Wieso ist das so?

Aus evolutionärer Sicht war es für das Überleben in rauen Umgebungen mit vielen Raubtieren unerlässlich. Menschen mussten lernen potenziell gefährliche Situationen zu erkennen. Auch heute ist der Mensch noch immer auf Selbsterhaltung eingestellt. Eine Folge: der Negativity Bias, eine von 16 Verzerrungen, die Entscheidungen beeinflussen. Dieser beschreibt die Tendenz, negative Erfahrungen stärker zu gewichten als Neutrale oder Positive gleicher Intensität. Selbst wenn negative Erfahrungen unbedeutend sind, neigen Menschen dazu, sich darauf zu konzentrieren.

Das Problem dabei ist, dass auch Veränderungen erst einmal als negativ angesehen werden. Als Mensch genauso wie als Unternehmen werden Neuerungen kritisch betrachtet und Veränderung abgelehnt. Ein prominentes Beispiel dafür, was uns täglich vor Augen liegt, ist das QWERTZ-Phänomen (1). Es beschreibt den Effekt, dass Menschen trotz Erkenntnisfortschritt an überholten Techniken und Prozessen festhalten. Selbst dann, wenn die Veränderung zum Vorteil der Beteiligten ist.

Wie kann der Schritt zu positiven Mindset für Führungskräfte und Mitarbeitende dennoch gelingen?

Die positive Psychologie bietet einfach umsetzbare Ansätze.

Sie ist eine junge Forschungsrichtung. Ausgehend von den Top- Universitäten der USA rund um den Forscher Martin Seligman hat sie sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten rasant entwickelt. Das Ziel ist wissenschaftliche Antworten zu finden auf die Frage was Menschen brauchen, um aufzublühen und in allen Lebensbereichen erfüllter zu sein. Aus der Vielzahl der Forschungsergebnisse ergeben sich ebenso Ansätze wie sich auch Arbeitswelten verbessern lassen. Und wie außergewöhnlich gute Leistungen möglich werden.

Eine Definition: „Die Positive Psychologie beschäftigt sich in Forschung und Praxis mit den Bedingungen und (Wechsel-) Wirkungen, die eine optimale Entwicklung von Personen, Gruppen und Organisationen ermöglichen“(2). Übertragen auf die Führung erkannte Lidl schon 2018: „Der Positive-Leadership Ansatz öffnet den Weg zu einer Vertrauenskultur und fördert die Entwicklung unserer Mitarbeiter“(3).

Doch, was auf der Hand liegt, ist häufig schwer zu greifen. Die Forschungsgruppe Positive Leadership rund um Markus Ebner hat sich diese Frage ausführlich gestellt. Sie forschen in Unternehmen welchen Unterschied es macht, wenn Führungskräfte die Erkenntnisse der positiven Psychologie anwenden oder nicht. Eine erste spannende Erkenntnis: es funktioniert selbst dann, wenn sie selbst gar nicht wissen, dass sie es tun. Denn positive Leadership erklärt vor allem das konkrete Führungsverhalten. Viele Erkenntnisse der positiven Psychologie finden schon intuitiv Anwendung, wenn Führungskräfte grundsätzlich an der Entwicklung ihrer Mitarbeitenden interessiert sind. Denn positive Leadership ist die Führungskompetenz, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem Mitarbeitende Lust haben, ihre Stärken auszuleben und weiterzuentwickeln und sich in dem, was sie tun, wertgeschätzt fühlen. Sie identifizieren sich mit ihren Aufgaben und sind motiviert, sich mehr einzubringen und die Extrameile zu gehen“(4).

Es geht für Führungskräfte auch darum ihre Verantwortung zu erkennen.

Denn durch die Gestaltung ihrer eigenen Rolle und ihre alltäglichen Verhaltensweisen beeinflussen sie Mitarbeitende günstig oder ungünstig. Gute Führung ist ein ganz eigenes Skillset, bestehend aus bestimmten Teilkompetenzen wie zB Empathie, emotionale Intelligenz, Kommunikationskompetenz uvm. Wie in jeder anderen Profession können auch diese gut oder schlecht ausgeprägt sein. Exzellente Führungskräfte haben sogar die Kompetenz, Potentiale und Stärken von Mitarbeitenden zu erkennen und ein Umfeld zu schaffen in dem sie mit diesen weiter aufblühen können. Zum Vorteil der Mitarbeitenden, des Unternehmens und sogar der Gesellschaft. Hier beginnt positive Leadership und es entsteht eine Führungskultur, die ein erfülltes (Arbeits-) Leben begünstigt.

Eine große Herausforderung von Menschen ist, dass eigene Potentiale und Stärken nur schwer erkannt werden. Das liegt zum einen am oben beschriebenen Negativfokus. Darüber hinaus aber auch u.a. daran, dass die eigenen Stärken wie ein blinder Fleck sind. Sie fallen so leicht, dass gar nicht mehr auffällt etwas besser zu können als andere. Hier dürfen Führungskräfte helfen dies zu erkennen und weiter zu stärken.

Stärkenorientierung ist eine der wichtigsten Veränderungen in positiver Führungskultur

Das heißt nicht nur zu schauen was jemand gerade besonders gut kann und Aufgaben zu verteilen, die diese Fähigkeiten abdecken. Die Unterscheidung von Stärken und Fähigkeiten spielt hier eine wichtige Rolle. Fähigkeiten sind all die Dinge, die durch Erlernen aufgebaut wurden. Stärken liegen allerdings noch eine Ebene tiefer, direkt dahinter. Es sind die Dinge, die Energie geben statt kosten, die immer irgendwie leichtfallen und in denen im besten Fall, dass Gefühl für Raum und Zeit verloren gehen. Dieser Zustand, wenn Menschen ganz in ihren Stärken aufgehen und gefühlt endlos darin arbeiten, können ohne Energie zu verlieren nennt die Forschung auch Flow. Viele kennen das aus dem Sport. Mit der Frage, was Menschen in den Flow-Zustand bringt, sind wir echten Stärken schon auf der Spur.

Führungskräfte dürfen ihre Mitarbeitenden also auch dabei unterstützen sich ihrer eigenen Stärken bewusst zu werden. Und die Stärken aller im Team so kombinieren, dass Schwächen gar nicht mehr so stark ins Gewicht fallen.

5 Schlüsselfaktoren für ein erfülltes Leben.

Neben der Stärkenorientierung hat Seligman vier weitere Schlüssel identifiziert, die Menschen brauchen um aufzublühen. Um diese verständlicher zu machen ist das PERMA Modell entstanden. PERMA ist ein (englisches) Akronym und steht für die identifizierten Faktoren, die zu einer positiven persönlichen Entwicklung führen. P steht dabei für positive Emotions, E für Engagement (inklusive Stärken & Flow), R für Relationships, M für Meaning, A für Accomplishment.

Besonders „positive Emotionen“ passen in der westeuropäischen Arbeits- und Führungseinstellung oft nicht so recht ins Bild. Arbeit muss keinen Spaß machen, sondern erledigt werden. Einen ersten Hinweis darauf, was positive Emotionen auch bei der Arbeit bewirken können, zeigt zB IBM auf. Hier zeigt sich, dass Mitarbeitende, die mit Freude arbeiten, die Zufriedenheit der Kunden erhöhen. Eine Steigerung der Kundenzufriedenheit um 5% hat bei IBM eine Umsatzsteigerung von 20% zur Folge(5).

Außerdem erhöht eine positive Grundhaltung die Resilienz von Individuen und Teams. In verschiedenen Experimenten konnte nachgewiesenen werden, dass durch positive Emotionen Stress deutlich schneller abgebaut wird. Die Forscherin Barbara Fredrickson, bezeichnet dies als „Undo-Effekt“. D.h. Positive Emotionen führen sogar dazu, dass Stressreaktionen „gelöscht“ werden.

Innovationskraft und Kreativität durch positive Emotionen.

Viele Unternehmen sind auch auf der ständigen Suche nach neuen Innovationen und mehr Kreativität bei

Mitarbeitenden. Dabei müssten sie gar nicht so weit in die Ferne schauen. Zahlreiche Studien belegen, dass eine positive Stimmung dazu führt, dass Menschen Probleme leichter und schneller lösen, kreativer sind, sich höhere Ziele stecken, länger durchhalten und bessere Ergebnisse erzielen.

Ein Beispiel: In einem Experiment hat die Psychologieprofessorin Alice Isen Versuchspersonen durch Ausschnitte aus Komödien in eine positive Stimmung versetzt. Dann erhielten diese eine Kerze, eine Schachtel mit Reißzwecken und Streichhölzer. Die Aufgabe dazu war, die Kerze so an einer Korkwand zu befestigen, dass nach dem Anzünden kein Wachs auf den Boden tropft. Wenn die Versuchspersonen die lustigen Filme sahen, dann lösten 75% von ihnen die Aufgabe in 10 Minuten. Im „neutralen“ Vergleichsexperiment fanden gerade einmal 20% der Teilnehmer die Lösung (6).

Wer gerade nicht in positiver Stimmung ist: Die Schachtel der Reißzwecken kann nicht nur als Transportbehälter, sondern auch als Halterung genutzt werden, um die Kerze darin zu platzieren. Mal ehrlich: Wäre es dir eingefallen?

Positive Leadership - der Blick durch die rosarote Brille?

Es zielt nicht darauf ab immer nur „das Positive zu sehen“ oder gar Toxic Positivity zu betrieben. Das Fördern positiver Emotionen bringt Menschen in einen positiven Grundzustand, der ihnen hilft, ihren Blick zu weiten und dadurch auch in Herausforderungen die Möglichkeiten zu entdecken. Also auch die Frage beim zügigen Ski fahren durch einen Wald ob mehr die Bäume gesehen werden, die im Weg stehen oder die Lücken zum hindurch düsen.

Gerade in der Führung gilt es positive verbale und nonverbale Kommunikation vorzuleben und zu fördern, denn es erhöht die Leistungsfähigkeit von Teams dramatisch. Dabei braucht es allerdings auch neue Denkmuster. Denn wer nur Positivität auf alte Denkweisen aufzusatteln versucht, wird viele Vorteile der positiven Psychologie verpassen.

3 Tipps für Positive Leadership

Die Macht der positiven Emotionen nutzen:

Wenn eine Herausforderung gerade unüberwindbar erscheint oder eine Aufgabe erschlägt, kann eine bewusste Auszeit, ein kurzer Spaziergang in der Sonne, ein gutes Gespräch, ein Kaffee mit Kolleg:innen Wunder wirken. Freude, Stolz, Mitgefühl und Co. schaffen es den Geist zu erfrischen und neue, sortiertere Gedanken zu fassen. Die Lösung fällt dann plötzlich sehr viel leichter. Auch eine gute Möglichkeit um Mitarbeitenden zu helfen wieder auf Kurs zu kommen, wenn sie sich verloren fühlen.

Das erweitert die Offenheit, die Wahrnehmung und die Denkweise. Dadurch werden soziale Kompetenzen und persönliche Ressourcen aufgebaut. Das wiederum führt zu verbesserter psychischer Gesundheit und höherer Widerstandskraft gegen Stressempfinden, was auch einen positiven Einfluss auf physische Gesundheit hat. Wer physisch und psychisch gesünder ist, empfindet nachweislich mehr positive Emotionen. Und schon geht’s in eine sich selbst bedingende Aufwärtsspirale. Hier sprechen wir von Fredericksons „Broaden & Build“- Theorie. Glückliche Mitarbeitende sind also sprichwörtlich gesündere Mitarbeitende.

Emotionen beeinflussen die Wahrnehmung und auch dessen Interpretation. Dadurch kommen Menschen in einen Kreislauf von Wahrnehmung, Interpretation und Handlung. Die Art wie über Vergangenes gedacht wird beeinflusst also die Wahrnehmung und zukünftige Handlungen. Positive Emotionen werden so, laut Watzlawick, sozusagen zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Und die Selbstwirksamkeit und das Selbstvertrauen von Mitarbeitenden wächst gleich mit.

Interessant für dich?

Hier erfährst du mehr zu Björn Kücklich und seiner Arbeit: https://kuecklich.com

Quellen: 

(1) Ulich, E. (1994). Arbeitspsychologie (3. Aufl.). Stuttgart: Poeschel.

(2) Gable, Shelly & Haidt, Jonathan. (2005). What (and Why) Is Positive Psychology?. Review of General Psychology. 9. No. 2, 103-110. 10.1037/1089-2680.9.2.103.

(3) Schug, C., 2018 Begleitbrief. Echt. Business. Unternehmensinformation Lidl Österreich.

(4) Ebner, M. (2019). Positive Leadership. Erfolgreich führen mit PERMA-Lead: die fünf Schlüssel zur High Performance. Wien: Facultas Universitätsverlag.

(5) Glückliche Mitarbeiter, Glückliche Kunden. (2018). Verfügbar unter: https:// heft.harvardbusinessmanager.de/digital/#HM/2018/7/157772563.[30.07.2018].

(6) Zeffane, R., Melhem, S. B. & Baguant, P. (2018). The impact of job satisfaction, trust, gender and supervisor support on perceived organisational performance: an exploratory study in the UAE service sector. International Journal of Business Excellence, 14(3), 339-359.

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